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Leukämie: Formen, Anzeichen, Heilungschancen

Interview mit Prof. Dr. med. Dietrich Baumgart

Obwohl Krebserkrankungen mit ca. 240.000 Todesfällen pro Jahr in der westlichen Welt nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweit häufigste Todesursache darstellen, sind Informationen darüber viel weniger präsent. Die meisten Menschen setzen sich erst nach einer Krebsdiagnose mit der Krankheit auseinander.

Auch Blutkrebserkrankungen stellen mit ca. 50.000 Neuerkrankungen pro Jahr eine relevante Erkrankung dar. Leukämien, ein Teilbereich, sind zum Glück noch seltener, aber mit immerhin rund 14.000 Neuerkrankungen pro Jahr auch nicht exotisch.

Prof. Dr. Dietrich Baumgart, aufgewachsen im ostwestfälischen Lage, war als Facharzt für Innere Medizin, Schwerpunkt Kardiologie, viele Jahre am Uniklinikum Essen als Oberarzt tätig, später als Leiter des dortigen Herzkatheterlabors. In den frühen 2000-er Jahren gründete Prof. Dr. Baumgart zusammen mit anderen Professoren und Wirtschaftsfachleuten ein multidisziplinäres Diagnostik- und Therapiezentrum, dessen Eigentümer er seit 2011 ist.

Selbst von der Diagnose Blutkrebs betroffen, gewährt Prof. Dr. Dietrich Baumgart im Interview mit Claudia Strohmayer von Orbisana Einblicke in seinen Krankheitsverlauf, klärt auf und macht Mut. Seine Erfahrungen zur Stammzellentransplantation hat Prof. Baumgart auch in seinem Buch „Blutkrebs besiegen“ niedergeschrieben, das gerade bei Orbisana erschienen ist.

Orbisana: Welche Arten von Blutkrebs bzw. Leukämie gibt es?

Prof. Baumgart: Es gibt verschiedene Leukämie-Arten. Die chronischen Formen, i.e. chronische lymphatische Leukämie (CLL) und chronische myeloische Leukämie (CML) sind meistens nicht so dramatisch und haben insgesamt eine relativ gute Prognose. Die akuten Formen, i.e. akute myeloische Leukämie (AML) und akute lymphatische Leukämie (ALL) sind dagegen sehr gefährlich und erfordern ein rasches Handeln. Eine Vorstufe kann das myelodysplastische Syndrom sein, das in eine AML umschlagen kann. Darüber hinaus gibt eine Vielzahl von anderen Blutkrebserkrankungen wie z.B. das Multiple Myelom oder die Hodgkin und Non-Hogkin Lymphome. Alle diese Erkrankungen können heute recht erfolgreich therapiert werden.

Orbisana: Wie macht sich Leukämie bemerkbar? Was sind erste Anzeichen?

Prof. Baumgart: In der ersten Phase kann die Leukämie völlig symptomfrei verlaufen. Im Verlauf sinken die roten und weißen Blutkörperchen und führen zu Luftnot, Schwäche und Infektionen.

In der Tat hatte ich gar keine Symptome, sondern bin zufällig auf Veränderungen des Blutbildes bei einer Routinekontrolle im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung gestoßen.

Orbisana: Gibt es konkrete Ursachen für Leukämie und/oder Faktoren, die das Risiko an Blutkrebs zu erkranken, erhöhen?

Prof. Baumgart: Viele Leukämien treten ohne erkennbare Ursachen auf. Einen typischen einzelnen Risikofaktor gibt es nicht. Allgemeine Ursachen wie Rauchen, chemisch toxische Substanzen wie Lösungsmittel oder radioaktive Substanzen oder Expositionen gegenüber Röntgenstrahlen können mit dazu beitragen. Auch chronischer Stress ist sicherlich ein Risikofaktor, der nicht im Einzelnen bewiesen werden kann, aber immer wieder als Faktor diskutiert wird.

Orbisana: Etwa 14.000 Menschen erkranken jährlich an Leukämien in Deutschland. Welche Leukämie-Arten treten gehäuft auf und gibt es Altersgruppen, die besonders betroffen sind?

Prof. Baumgart: Etwa 10 Prozent der Betroffenen erkranken an einer CML, etwa 50 Prozent an einer CLL und ungefähr 40 Prozent an den akuten Formen ALL und AML. Männer erkranken etwas häufiger als Frauen. Die häufigsten Formen der Leukämie sind die chronische lymphatische Leukämie und die myelodysplastischen Syndrome. Mehr als 50 % aller Leukämien treten in der Altersgruppe der über 65-jährigen auf.

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Orbisana: Wie sind die Heilungschancen? Wie wichtig sind aus Ihrer Sicht Typisierungsaktionen bei der Stammzellentherapie?

Prof. Baumgart: Durch die moderne Medizin haben sich die Heilungschancen in den letzten 20 Jahren deutlich verbessert. Heute können im Durchschnitt über 75 % der Patienten geheilt werden. Die Heilungschancen hängen sicherlich von dem Stadium ab, in dem die Erkrankung erkannt wird, dem Zentrum, in dem die Therapie durchgeführt wird und der körperliche Zustand, in dem sich der Patient zu Beginn der Therapie befindet. Bei einer Stammzelltransplantation ist die Typisierung der Stammzellen und der sog. „Match“ zwischen Spender und Empfänger ganz entscheidend. In der Regel müssen mindestens 10 Kriterien übereinstimmen. Dann ist der Verlauf der Transplantation als erfolgreich einzustufen.

Orbisana: Gibt es Dinge in Ihrem Leben, die Sie zukünftig anders gestalten werden?

Prof. Baumgart: Ich würde und werde mein Leben bewusster gestalten. Dazu gehört, dass ich mehr Ruhephasen und Zeit für meine Erholung einplanen werden. Aktivitäten werde ich gezielter auswählen und mehr als bisher Termine absagen, die ich nicht mehr so wichtig finde. Die Prioritätenliste werde ich neu sortieren.

Sicherlich werde ich nicht alle negativen Themen von mir fernhalten können, aber ich will versuchen, sie mit mehr Gelassenheit zu bearbeiten.

Orbisana: Gerade ist auch, wie eingangs erwähnt, Ihr Ratgeber zum Thema "Blutkrebs besiegen" durch Stammzellentransplantation bei Orbisana erschienen. Was hat Sie dazu veranlasst, diesen zu verfassen?

Prof. Baumgart: In erster Linie war meine eigene Erfahrung mit dieser Erkrankung der Auslöser für den Ratgeber. Die Erkrankung hat mich ohne erkennbare Ursache getroffen. Die Erlebnisse waren doch mental sehr belastend und in dieser Form auch nicht nachlesbar. Ich habe den Ratgeber geschrieben, um anderen Betroffenen und Angehörigen einen Leitfaden für diese schwere Zeit zu geben und gleichzeitig Mut und Hoffnung zu geben, dass man diese Erkrankung mit Erfolg und geheilt überstehen kann.

Vielen Dank für das Interview, Herr Prof. Baumgart und alles erdenklich Gute!

Zum Ratgeber:
Eindrucksvoller Erfahrungsbericht über eine erfolgreiche Stammzelltransplantation, verfasst von einem renommierten Arzt, der selbst von Blutkrebs betroffen war.

Eine Stammzelltransplantation ist eine einschneidende Erfahrung. Daher ist dieser Bericht sehr persönlich, aber gleichzeitig auch sachlich: Es gibt eine Menge Hintergrund-Informationen zu den verschiedenen Formen von Blutkrebs und zur Stammzelltherapie im Speziellen.

Finden Sie zudem viele hilfreiche Hinweise auch für Angehörige und Freunde. Das Plus: Wissenswertes zur Ernährung während der Behandlung und danach. Rezeptvorschläge für die Zeit zu Hause nach der akuten Immunsuppression.